Wenn einer der erfolgreichsten Investoren der Welt auf knapp 660 Seiten erklärt, nach welchen Prinzipien er lebt und arbeitet, darf man durchaus neugierig werden. Zumal Ray Dalio mit Bridgewater Associates nicht nur einen der größten Hedgefonds der Welt aufgebaut, sondern auch eine ziemlich ungewöhnliche Unternehmenskultur geschaffen hat.
Was mich an diesem Buch besonders interessiert hat, sind seine Gedanken über radikale Offenheit und Transparenz. Dalio ist überzeugt, dass wir nur dann wirklich dazulernen können, wenn wir bereit sind, unsere eigenen Überzeugungen immer wieder infrage zu stellen.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber ganz und gar nicht.
Denn wer hört schon gerne, dass er falschliegt? Wer sucht freiwillig nach Argumenten, die der eigenen Meinung widersprechen? Dalio fordert genau das. Nicht recht behalten wollen, sondern herausfinden, was richtig ist.
Besonders spannend finde ich seine Idee einer „Ideen-Meritokratie“, in der nicht die hierarchische Position darüber entscheidet, welche Meinung zählt, sondern die Qualität der Argumente und die Glaubwürdigkeit der Menschen, die sie vorbringen.
Auch sein Grundsatz „Schmerz + Nachdenken = Fortschritt“ ist mir in Erinnerung geblieben. Fehler und Rückschläge sind für Dalio keine Niederlagen, sondern Gelegenheiten, etwas über sich selbst und die Welt zu lernen. Vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, darüber nachzudenken.
Natürlich muss man nicht jedes seiner Prinzipien übernehmen. Und knapp 660 Seiten sind für ein solches Buch schon eine ordentliche Ansage.
Aber Dalio liefert reichlich Stoff zum Nachdenken. Vor allem über eine Fähigkeit, die im Berufsleben wie im Privaten erstaunlich selten geworden ist: die Bereitschaft, die eigene Meinung zu ändern, wenn die besseren Argumente auf der anderen Seite liegen.